In meiner Eigenschaft als netter Mensch, welche ich vorrangig vor vielen anderen Bekleide, erspare ich ihnen lange Einleitungen und möchte statt dessen folgendes verlauten lassen: ich bin ein grundehrlicher Mensch!
Viele Herren aus meiner Bekanntschaft besitzen die Unverschämtheit, mir in diesen Punkten, obwohl doch offensichtlich sein sollte, dass ich selbst meine - zahllosen - guten Seiten am besten kenne, zu widersprechen, aber ich darf ihnen versichern, dass es sich bei meiner Person nahezu um den sprichwörtlichen Samariter handelt, wie ihnen im folgenden näher dargelegt werden wird.

Doch nachdem nun sichergestellt ist, dass während der Lektüre dieses Textes niemand meine, neben einem ausgeprägten Intellekt sowie beinahe schon übertriebener Bescheidenheit, augenfälligsten Eigenschaften vergisst, wollen wir nun zu Wichtigerem kommen: zu mir. Als Oberstaatsanwalt ist es vorrangige Aufgabe meiner Person, garstige Verbrecherlinge hinter Schloss und Riegel zu bringen. Doch, wie oben bereits angedeutet, bin ich ein netter Mensch und mag mich der Härte der heutigen Gesellschaft nicht hingeben. So bin ich, anders als viele meiner geschätzten Kollegen, gewillt, strafrechtliche Dinge humaner zu regeln, als allgemein üblich. Wie sagte einst ein weiser Mann: es gibt Vorschriften, und es gibt Konten. Sie werden einsehen, dass ich unmöglich davon ausgehen kann, dass ein Mensch, welcher mir, einem armen Beamten im unermüdlichen Dienste des deutschen Staates, menschliche Gesten finanzieller Natur zuteil werden lässt, ein böser Straftäter ist. Das Prinzip „bezahlte Menschenkenntnis“, wie ich es liebevoll zu nennen Pflege, ist natürlich von höchster Redlichkeit, ermöglicht es mir doch erst den Wohnort Benrath, in dem lediglich andere redliche Menschen wohnhaft sind, eine Bedrohung durch das leider erstarkende Proletariat nicht gegeben ist.

Zwar bin ich nicht imstande, mich wie viele andere redliche Menschen, einer adligen Abkunft zu rühmen, doch stamme selbstverständlich auch ich aus vornehmem Hause, wie könnte ich sonst einer solch redlichen Gemeinschaft wie „Redlichkeit anschnur“ angehören? Undenkbar, simple Angehörige der unteren Klassen hier aufzunehmen.
Schon mein Ahn Siegbert Leimhuber, welcher das Licht dieser Welt erblickte, als die Gesellschaft noch redlich und die Jugend folgsam war, stand im Dienste des Staates Preußen und ist als Erfinder des Prinzips „bezahlte Menschenkenntnis“ zu bezeichnen. Sie sehen, die Verdienste meiner Familie müssen sich hinter den solchen meiner adeligen Mitstreitern nicht verstecken – mein Kontostand wird es ihnen bestätigen.

Im Schatten meines wahrlich großen Ahnherrn Siegbert war es auch für mich in frühester Kindheit eine Selbstverständlichkeit, in den Staatsdienst einzutreten, um die Tradition oben genannten Prinzips weiterleben zu lassen, sowie dafür zu sorgen, der Administration unseres Landes den Geist dieses großen Menschen zu erhalten.
So war ich also der Redlichkeit meiner Mitmenschen verpflichtet, denn niemals wäre ein Unhold dazu fähig, den Sinn des Prinzips meines Vorfahren zu erkennen und sich daran zu halten. Bereits in der Schule war ich infolgedessen dafür bekannt, mich um das seelische Heil meiner Mitschüler in ganz besonderem Maße zu sorgen. Wann immer ein Schüler im Unterricht eine Dummheit vollbrachte, konnte er sich eines richtigstellenden Kommentars meiner Wenigkeit sicher sein. Sie werden nun der Meinung sein, ich sei lediglich halbherzig engagiert gewesen, bezogen sich doch meine Mühen nur auf die Zeit des Unterrichts, doch dem ist natürlich nicht so. Ein jedes Mal, wenn ein Schüler auf dem Pausenhofe seiner Dummheit Ausdruck verlieh, gab ich selbstverständlich einer Lehrkraft bescheid, welche sich hernach in Form des Nachsitzens um das Wohl des betreffenden Schülers kümmerte.
Sie können sich vorstellen, dass ich stets ein sehr beliebter Schüler war. Sogar Sympathiebekundungen der Massen auf dem Pausenhofe gab es des öfteren, wobei meine Person dabei nicht frei von Blessuren blieb, waren doch manche Vertreter meiner Zunft ein wenig übereifrig bei dem Vorhaben, ihren großen Wohltäter zu berühren.
Sie sehen hier bestätigt es sich: ich bin ein Mensch von außergewöhnlicher Güte, hätte sich doch kaum ein anderer dergestalt um das Wohl seiner Mitschüler gesorgt.

Als Student war ich selbstverständlich nicht mit den bombenlegenden Hippies gleichzusetzen, die sich heutzutage Studenten nennen dürfen. Nein, ich hingegen war stets ein wohlerzogener und strebsamer Bub.
Natürlich gebietet es das Vorurteil, Studenten als langhaarige und arbeitsscheue Versager ohne jedweden Ehrgeiz zu sehen, doch galt das selbstverständlich nicht für mich, hatte ich doch schon damals das Prinzip meines Ahnen Siegbert verinnerlicht und bedachte die Herren Professoren stets mit menschlichen Gesten, was diese, offensichtlich ebenfalls nette Menschen, mir mit guten Noten vergolten. Sie sehen: die Herren Professoren erkannten in mir einen redlichen Menschen und förderten mein Talent darob. Auch hier ist also das Prinzip „bezahlte Menschenkenntnis“ erfolgreich. Auch hier erkennen sie sicherlich, welch guter Mensch ich bin, habe ich doch das Gehalt meiner Professoren wesentlich aufgebessert.
Es wird sie nicht wundern, dass ich beide Staatsexamen mit Auszeichnung bestand, und dass auch meine Doktorarbeit seinerzeit großen Anklang fand.

Um es nun also kurz zu machen: mein gemeinnütziges Ziel, das da lautet das deutsche Justizsystem wieder von dem Prinzip „bezahlte Menschenkenntnis“ profitieren zu lassen, war endlich erfüllt.

Hochachtungsvoll
Dr. Traugott Leimhuber



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